Knappschaft im Elchtest - Zur Parade nach Norwegen Drucken

Der Abstecher nach New York hatte die Reiselust der Freiberger Knappschaftsmitglieder geschürt. So war es nur eine Frage der Zeit, bis die unverdrossenen Organisatoren - allen voran Horst Klimpel und Dieter Joel - gedrängt wurden, die nächste große Tour in Angriff zu nehmen. Im Juni 1999 war es soweit: Mit vier Reisebussen brachen rund 200 Freiberger auf, um zur Parade in Trondheim in Norwegen aufzutreten.

Doch auf dem Weg dorthin mischte sich in die Bewunderung für die Naturschönheiten Skandinaviens immer stärker die bange Frage: Wird der Dauerregen der letzten Tage zur Parade aufhören?

Noch beim Frühstück goß es in Strömen. Dann - plötzlich und unerwartet - das erste Blau zwischen dicken grauen Wolken und bald sogar Sonnenschein. Beruhigt konnten sich die Bergkameraden nun der zweiten Sorge zuwenden. Was wird mit der Musik? In New York tänzelte eine Rumba-Kapelle vor der Historischen Freiberger Berg- und Hüttenparade, was den Sachsen das Marschieren nicht gerade leicht machte.

Doch die Begegnung auf dem Stellplatz war wie Liebe auf den ersten Blick. Als die norwegischen Musiker der "Ranheim Musikkforening" mit Schmiß den ersten Marsch vom Blatt spielten, war den Freibergern schon bei den ersten Tönen klar: Alles wird gut bei dieser Parade in Trondheim. Magenwürze, Polizeigeleit,

Mit einer Runde Magenwürze vor dem gemeinsamen Auftritt hatte der Vereinsvorsitzende Knut Neumann dafür gesorgt, daß das Verhältnis zwischen Musikern und den Bergkameraden noch herzlicher wurde. Dann gab er das Signal zum Abmarsch, und unter Polizeigeleit setzte sich der Zug in Bewegung durch das Stadtzentrum, herum um die Säule mit dem Standbild von Olaf Trygvesen, der vor 1000 Jahren Norwegens König war.

Diesmal wurde die Parade angeführt von einer eleganten Dame an der Seite von OB Konrad Heinze: Trondheims Bürgermeisterin Liv Sundgren. Sie schwärmte danach in höchsten Tönen von dem Erlebnis, mit der Bergknappschaft zu marschieren. Und die herzlichen Worte, die sie anschließend in einer Ansprache an die Freiberger richtete, machte bei vielen die Enttäuschung wieder wett, in Trondheim so wenige Zuschauer gehabt zu haben. Die eifrigsten Fans waren die mitgereisten Ehefrauen, die Busfahrer und Reiseleiter gewesen, die immer wieder an verschiedenen Stellen am Straßenrand auftauchten, begeistert applaudierten und die Trondheimer auf der anderen Straßenseite zum Mitklatschen animierten.

Nach den Reden von Liv Sundgren und Konrad Heinze revanchierten sich die Norweger für den Freiberger Auftritt mit einem hinreißenden Folkloreprogramm, und als sich die Freiberger dafür standesgemäß mit dem Steigerlied bedankten, war in diesem Moment zweifellos jeder von ihnen zu Recht von dem Gefühl erfüllt, etwas Großes geleistet zu haben. Die Gesichter sprachen Bände.

Rund 1500 Kilometer waren sie in diesem Moment von zu Hause entfernt, hatten atemberaubende Fjordlandschaften, Hochebenen und die Heimat der Trolle gesehen. Erst wenige Stunden vor der Parade waren sie nur wenige Schritte vom Nidaros-Dom, die Krönungsstätte der norwegischen Könige, im Erzbischofshof von Trondheims Oberbürgermeisterin empfangen worden. Wer sonst kann das schon von sich behaupten? Die prächtige, fahnengeschmückte mittelalterliche Empfangshalle ist das älteste Bauwerk Skandinaviens, von einigen Kirchen abgesehen.

Und während die Freiberger erschöpft, aber in gelöster Stimmung nach der Parade über den gigantischen Trondheimer Markt schlenderten, über dem der Duft von kräftig geräucherter Elchsalami, Schmalzkringeln und Gewürzen lag, ließ mancher von ihnen noch einmal die Erlebnisse der letzten Tage Revue passieren.

Darunter eines gleich zu Beginn der Tour, das Symbolcharakter hat: In Norwegens Silberstadt Kongsberg fuhren 30 Jahre nach Einstellung des Bergbaus im Freiberger Revier wieder Freiberger in eine Silbergrube ein.

Unter ihnen war mancher, der noch untertage gearbeitet hat. Zum Beispiel Franz Lorenz, einst Obersteiger und 1969 verantwortlich für die Verwahrung der Grube Beihilfe Halsbrücke. Oder Wolfgang Böhm, der 1951 auf dem Davidschacht angefangen hatte, später als Angehöriger der Grubenwehr in Not geratenen Bergleuten half. Sie ahnten in diesem Moment noch nicht, daß es für sie nicht nur eine persönliche Zeitreise werden sollte, sondern auch eine unverhoffte Begegnung mit der Bergbautradition Freibergs.

Die gab es schon wenige Schritte nach dem Verlassen der heftig rumpelnden Grubenbahn. Nach fachmännischen Blick über das Füllort folgte die Gruppe dem Exkursionsführer zu einem in den Fels gehauenen Raum mit dickem Holzgestänge. Wer nah genug an die Absperrung herankam, konnte in die Tiefe blicken und erkannte den Sinn der Vorrichtung: eine Fahrkunst! So eine, wie sie im Freiberger Stadt- und Bergbaumuseum zu sehen ist, hier in Norwegen in 1000 Meter Tiefe. Und sie sieht nicht nur genauso aus, sie heißt auch so. Das deutsche Wort "Fahrkunst" haben die Norweger übernommen. Die 1623 in Betrieb genommenen Kongsberger Gruben, berühmt geworden durch gediegene Silberstufen bis zu 50 Kilo, seien zu einem beachtlichen Teil durch deutsche Bergbauexperten ausgebaut worden, erklärte der Führer. "Sächsische", präzisierte er, und für die Freiberger war es keine Frage, aus welchem Revier die sächsischen Fachleute kamen. Mit Kennermiene betrachteten sie den Stolln, die Maschinen, löcherten den Führer mit Fragen nach Ausbeute, Beimischungen und Verarbeitung. Mit so einem sachkundigen Publikum hatte der nicht gerechnet, mußte bei technischen Details zum Englischen übergehen. Dann warf er noch ein Fachwort ein: "Druse - Sie wissen, was das ist?" Die Freiberger strahlten, nickten - was für eine Frage! Wer mag diese Tour wohl mehr genossen haben?

Auf der Rückreise, zwei Tage nach der Parade, war auch bei Knut Neumann die Enttäuschung darüber verflogen, in Trondheim nicht so viele Zuschauer gehabt zu haben wie in New York oder Freiberg. "Wir müssen uns daran gewöhnen, daß es nicht überall soviel Bezug zur Bergbautradition gibt", meinte er. Doch die Reise sei ein Erfolg gewesen. Und in zwei Jahren würde die Knappschaft sicher wieder auf große Tour gehen.

 

von Sabine Ebert